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Kernewek (Kornisch)

 

Sprachliches

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Einführung in die kornische Sprache: Kernewek

     

Kornisch nimmt im Reigen der modernen keltischen Sprachen eine Sonderstellung ein, indem es in der Tat eine wiederauferstandene (besser: wiedererweckte) Sprache bildet. Allgemein für ausgestorben hielt man Kernewek (Kornisch) für lange Zeit, nachdem mit der vielzitierten Dolly Pentreath im Jahre 1777 "the last native speaker of Cornish" begraben wurde. Doch es blieb genug Literatur und Sprachkenntnis übrig, die es um 1900 einigen wenigen Enthusiasten um Henry Jenner erlaubte, den Grundstein für die Rückkehr des Kornischen unter die lebenden Sprachen zu legen. Heute sprechen etwa 300 Personen wieder fließend Kornisch. Die Sprache ist sogar unter der Europarats-Charta für Regional- und Minderheitssprachen anerkannt und wird von der britischen Regierung auch offiziell unterstützt. Die Grafschaft Cornwall selbst bildet eine eigene Verwaltungseinheit auf der südwestlichsten Landzunge der britischen Hauptinsel, wird aber politisch als Teil Englands behandelt. Interessante allgemeine Informationen über Kornisch sind der offiziellen Internetseite der Maga Kernow (Cornish Language Partnership) zu entnehmen.


Sprachliches

Die keltische Sprache Cornwalls lässt sich auf jene keltische Sprache zurückführen, die bereits vor der Invasion der Römer auf der Britischen Hauptinsel heimisch war. Die Wege der drei modernen brythonischen Sprachen trennten sich erst, als im 6. Jh. n. Chr. die Angelsachsen die Bucht des Severn erreichten und damit die keltische Kultur von Wales von jener auf der südlicheren Halbinsel von Devon und Cornwall trennten. Viele der Kelten im Gebiet des heutigen Devon flohen kurze Zeit später in mehreren Wellen über den Kanal in die Bretagne, wo bis auf den heutigen Tag Bretonisch gesprochen wird. Mit der Zeit entwickelten sich alle drei Idiome auseinander, wobei sich Kornisch und Bretonisch noch sehr lange über den kurzen Seeweg gegenseitig beeinflussten. Es wird mehrfach berichtet, dass sich selbst im 18. Jh. Menschen aus beiden Ländern problemlos miteinander verständigen konnten. Das moderne Kornisch wurde im frühen 20. Jh. wiedererweckt hauptsächlich auf der Basis des als "Middle Cornish" bezeichneten Sprachschatzes aus der Periode zwischen 1400 und 1600 n. Chr., aus dem eine große Zahl von Literaturquellen aufgezeichnet worden war. Sprachelemente aus der späteren Periode ("Late Cornish") waren wegen der rasch schwindenden Sprecherzahl sehr spärlich und relativ unsicher überliefert worden. Was aus dieser Zeit der "Sprachdämmerung" jedoch reichlich herübergerettet werden konnte, waren Aussprache, Gedichte, Kinderreime und andere idiomatische Alltagsfloskeln. Diese bruchstückhaften Versatzstücke hatten zum Teil im englischen Dialekt Cornwalls Eingang gefunden, zum Teil wurden Gebete oder Gegenstandsbezeichnungen noch lange nach dem "akademischen Tod" (s.u.) in der Bevölkerung verwendet, oft ohne noch deren ursprüngliche Bedeutung zu kennen. So war es Anfang des 20. Jahrhunderts möglich, in relativ großem Maße Kornisch auf authentischer Grundlage wieder zum Leben zu erwecken.

Einen "Luxus" besonderer Art leistet sich Kornisch allerdings, wahrscheinlich im Gefolge der Wiedererweckung einer Sprache auch unumgänglich: Es bestehen drei Varianten der neuen Sprache, die sich in Schreibweise und geringfügig auch im Vokabular unterscheiden: "Modern Cornish", "Unified Cornish" und "Common Cornish". Die ersten beiden "Dialekte" fußen auf Quellen aus verschiedenen Sprachperioden des Kornischen. Das letztgenannte Kernewek Kemmyn ("allgemeines Kornisch") ist sozusagen ein Kompromiss und in der Tat im Begriff, sich allgemein durchzusetzen. Der mündlichen Verständigung zwischen den Kornisch-Sprechenden hatte diese "Trennung" in drei Schriftformen aber sowieso nie Abbruch getan.

Details zur Orthographie, Aussprache und anderen grammatikalischen Besonderheiten des Kornischen sind (in englischer Sprache) sehr gut unter Omniglot und Wikipedia beschrieben. Die deutschsprachige Version von Wikipedia ist nicht identisch und komplementär.


 
 
Geschichte

Nach der Schlacht von Dyrham im Jahre 577 n. Chr. waren die Kelten im Südwesten Britanniens von den anderen verbliebenen brythonischen Gebieten getrennt worden. Der stetige Druck der Angelsachsen führte zu Massenauswanderungen brythonisch sprechender Stämme über die See in das Gebiet der Bretagne und sogar nach Galizien. Es dauerte aber bis 936 n. Chr., dass Dumnonia (Devon) endgültig verloren war und der Fluss Tamar praktisch die Grenze zwischen Angelsachsen und Kornisch bildete. Mit der Unterwerfung unter Athelstan endete auch die Unabhängigkeit Cornwalls und sehr schnell wurde der Nordosten des Landes anglisiert. Mit der normannischen Eroberung um 1066 jedoch endete die Verdrängung und Assimilation der brythonisch-sprechenden Bevölkerung, sodass über viele Jahrhunderte der Westen Cornwalls seine keltische Sprache erhalten konnte. All dies allerdings unter der politischen und kirchlichen Oberhoheit des englischen Königshauses. Der Adel und andere begüterte Notabeln votierten schon sehr früh für die Übernahme des Englischen - Kornisch blieb aber die Sprache des "gemeinen" Volkes. Kernewek hatte vielleicht seine Blütezeit zwischen 1400 und 1600, einer Zeit, aus der auch die meiste Literatur überliefert wurde. Herausragend dabei sind eine Reihe von "Mysterien-Stücken", die traditionell in Freilufttheatern im gesamten Land aufgeführt wurden. Von diesen Theaterstücken sind fast nur Darbietungen christlicher Themen niedergeschrieben worden - diese Zehntausende von Zeilen umfassenden Schriftwerke bilden noch immer den Grundstock des in die Neuzeit herübergeretteten Sprachschatzes. Aufgrund der dieser Zeit folgenden Turbulenzen von Bürgerkriegen und Reformation kam es leider nicht zu einer Übersetzung der Bibel in das Kornische, was unschätzbar große Teile der Sprache der Nachwelt erhalten hätte. Nichtsdestotrotz hielt sich Kornisch als Umgangssprache im Westen Cornwalls bis Anfang des 17. Jh. mit einer mittleren Sprecherzahl von etwa 35.000. Danach wurde die Sprache von den meisten Bewohnern nicht mehr als notwendig erachtet und die Weitergabe an kommende Generationen wurde immer seltener. Im 18. Jh. war es fast Allgemeingut, dass Kornisch bereits "ausgestorben" wäre. Und doch wurde in dieser Zeit noch über Sprecher von Kernewek im äussersten Westzipfel Cornwalls, dem Distrikt Penwith, berichtet. Aus dieser Zeit ist auch die Person "Dolly Pentreath" bekannt, deren Tod im Jahre 1777 landläufig das Schicksal der Sprache besiegelte. Sehr wahrscheinlich war sie wohl nur eine der letzten Personen, die fast ausschließlich nur Kornisch sprechen konnte. Vieles der Sprache überdauerte die folgenden Jahrzehnte in einzelnen Familien, sodass wohl eher mit dem Tod von John Davey im Jahre 1891 die letzte Person mit traditionellem Wissen des Kornischen verstarb. Mittlerweile waren aber bereits intensive Aktivitäten einzelner Personen angelaufen, alles noch überlieferte Material zu sammeln und zu kategorisieren.

Niemand dieser "Sprach-Archäologen" hatte wohl damals geahnt, dass diese Studien Basis einer Renaissance des Kornischen als normales Verständigungsmittel werden könnten. Der Funke sprang erst über mit der Veröffentlichung von "A Handbook of the Cornish Language" durch Henry Jenner im Jahre 1904. Bis zum 2. Weltkrieg legten Jenner gemeinsam mit Robert Morton Nance und A.S.D. Smith den Grundstein für die Wiederbelebung des Kornischen durch eine Reihe von Schriftstücken, Wörterbüchern und die Gründung von kornischen Sprach-Organisationen. In Anlehnung an das walisische Eisteddfod wurde zum Beispiel die alljährliche Versammlung kornischer Barden im Rahmen eines "Gorseth" eingeführt. Jedoch erst Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts nahm die Bewegung richtig Fahrt auf. Das "Kesva an Tavas Kernewek" (Cornish Language Board) wurde 1967 gegründet, welches seither die Bildungsanstrengungen des Kornischen koordiniert und Sprachprüfungen durchführt. Die Kontroversen der drei (insbesondere Schrift-)Varianten des Kornischen (s.o.) hatten überraschenderweise kaum Auswirkungen auf die Entwicklung der Sprecherzahlen - die Zahl der Abendschüler nahm weiter stetig zu. Auch in einigen Grundschulen wurde Kornisch auf freiwilliger Basis eingeführt. Ausserdem wuchsen seit etwa 1970 wieder Kinder in Familien auf, in denen Kornisch neben Englisch als Umgangssprache verwendet wird. Es kam jedoch bisher nicht zur nachhaltigen Einrichtung von kornischsprachigen Vorschulgruppen, weil die möglichen Teilnehmer über ganz Cornwall verteilt lebten. Wohl der größte Erfolg in jüngerer Zeit war die Anerkennung des Kornischen durch den britischen Staat; die Sprache wurde im Rahmen der Charta für Regional- und Minderheitssprachen des Europarates anerkannt.

 
   

"In Cornwall is two speches: the one is naughty Englysshe, and the other is the Cornysshe speche. And there may be many men and women the which cannot speake one word of Englysshe, but all Cornysshe."
(Andrew Borde (1542) in seinem "Booke of the Introduction of Knowledge")








"Pan o marow, dasserghys ve dhe vewnans"
"Als es tot war, wurde es zum Leben emporgehoben"

(Zitat aus Bewnans Meryasek (Das Leben von Meryasek) aus dem Jahre 1504)

Gegenwart 

Kornisch wird im Alltagsleben Cornwalls immer präsenter. Auch wenn "Kernow"-Schilder an der Grenze zu England und eine ganze Anzahl zweisprachiger Ortsschilder wohl eher dem Tourismus geschuldet sind, so findet Kernewek doch immer mehr selbstverständliche Verwendung in Straßennamen und auf Autokennzeichen. Die Zahl der Kornisch-Lernenden nimmt immer noch zu, auch wenn das Angebot an Schulen sehr übersichtlich zu nennen ist. So zählte man im Jahre 2000 nur etwa 200 Kornisch lernende Schüler. Hinzu kamen etwas mehr als 400 Teilnehmer in Abendschul-Kursen des Kornischen. Bei einer Gesamtbevölkerung von knapp 500.000 Einwohnern Cornwalls geht man derzeit von etwa 3.000 Personen aus, die einfache Unterhaltungen in Kornisch führen können. Von ihnen spricht etwa ein Zehntel die Sprache fließend. Dieser "harte Kern" der Sprachgemeinschaft wächst nur langsam, umfasst aber bereits eine Handvoll kornischsprechender Familien. Die Situation im Bildungsbereich ist nach wie vor unbefriedigend, was auch der Bericht aus der MERCATOR-Serie Cornish in Education bestätigt. Die Anstrengungen sind immer noch weitgehend auf Privatinitiative angewiesen. Es muss sich erst erweisen, ob die Anerkennung des Kornischen in der Charta der Regional- und Minderheitssprachen neben Lippenbekenntnissen auch handfeste finanzielle und administrative Unterstützung nach sich ziehen wird. Grundlage solcher Verbesserungen muss der Ausgangspunkt sein, der im Jahre 2000 in einer unabhängige Studie zur aktuellen Situation der kornischen Sprache in Cornwall beschrieben wurde (der Artikel (in englischer Sprache) kann hier (1.067 KB) im pdf-Format heruntergeladen werden). Politische Rückendeckung erhält das Kornische auch in größerem Ausmaß auf kommunaler Ebene durch den Cornwall County Council und die ihm untergeordneten District Councils, die in einer offiziellen Rahmenvereinbarung den verstärkten Gebrauch der Sprache vereinbarten. Anfang 2005 wurde danach die offizielle "Strateji rag an Taves Kernewek" (Strategy for the Cornish Language) vorgestellt, der Wortlaut ist unter der Internetseite des Konsel Kernow (Cornwall County Council) zu entnehmen. Es sind nur kleine Schritte, aber immerhin.

In der Volkszählung von 2011 konnten die Bewohner Cornwalls auch Informationen über ihre "nationale Identität" abgeben. Von den fast 523.000 Einwohnern erklärten immerhin 73.200, dass sie Kornisch wären (13.8 %). Unter ihnen 52.793 gaben sogar Kornisch als alleinige nationale Identität an, also ohne zusätzlich Britisch, Englisch u.ä. Mit Ausnahme der Scilly-Inseln (2,2 %) gab es kein anderes Gebiet auf den Britischen Inseln mit nennenswertem kornischem Anteil. Bei der Frage nach ihrer Hauptsprache ("main language") gaben 464 Personen in Cornwall Cornish an.


   


Jährliche Krönungszeremonie der neuen Barden des kornischen Gorseth; ein Höhepunkt im kulturellen Leben Cornwalls (© 2010 Agan Tavas)


Zukunft 

Angesichts der noch immer kleinen Zahl von Sprechern, die Kornisch tagtäglich verwenden, ist selbstverständlich eine Prognose für die mittlere Zukunft schwer durchzuführen. Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt überdies, dass auch gänzlich für unmöglich gehaltene Entwicklungen wie die Wiedererweckung von Kernewek durchaus stattfinden können. Es ist allerdings festzustellen, dass die Weiterentwicklung der Sprache in rasantem Tempo voranschreitet. Darüberhinaus könnte es noch weitere Entdeckungen uralter Quellen von Kornischtexten geben wie das 1999 aufgefundene Manuskript von "Beunans Ke" (Das Leben des Heiligen Ke). Das wahrscheinlich zu Beginn des 16. Jh. geschriebene Stück öffnete eine weitere Schatztruhe bisher nicht nachgewiesener Wörter und Redewendungen. Die "Abstimmung" der neu hinzustoßenden Lernenden scheint auch Kernewek Kemmyn (Common Cornish) als wahrscheinlich zukunftsfähigste Variante des Kornischen zu bestätigen. Es sei Kornisch zu wünschen, dass es auch in Zukunft so erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit gibt wie jene durch Lisa Simpson (aus der Cartoon-Familie), welche in der Weihnachtssendung 2004 mit einer kornischen Flagge durch das Wohnzimmer lief und "Rydhsys rhag Kernow lemmin" ("Freiheit für Cornwall jetzt") ausrief.

 
     

"Warum sollten Menschen Cornwalls Kornisch sprechen? Es ist kein Geld damit zu machen, es dient keinem praktischen Zweck und die Literatur ist spärlich und ohne große Originalität oder Wert. Die Frage ist berechtigt, die Antwort ist einfach. Weil sie Kornisch sind."
(Henry Jenner (1904), "Vater der kornischen Wiedergeburt")



Weitere Informationen 

Im Gefolge der spektakulären Anerkennung des Kornischen als lebender Sprache Britanniens ist der Enthusiasmus der Sprachbewegung noch gewachsen. Über neueste Entwicklungen in Cornwall (nicht nur zur kornischen Sprache) berichten on-line Nowodhow Kernow (Cornish News), An Burow (Cornish Language News) sowie die Internet-Seite Warlinenn. Wer sich für die Sprache noch mehr interessiert, dem sei Agan Tavas sehr empfohlen. Weitere Tipps für Sprachschüler sind in unserer Rubrik Lernen enthalten.



 


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